Die Wissenschaft der ‘Aqida bildet die Grundlage des Islam
Der vorliegende, über mehrere Ausgaben laufende Text, der aus dem Spanischen übersetzt wurde, kann mit der Gewissheit gelesen werden, dass der Autor anerkannte muslimische Quellen (Ibn ‘Aschirs „Murschid Al-Mu’in“, sowie Ibn Abi Zayd Al-Qairawanis „Risala“) direkt aus dem Arabischen übertragen hat. Die Quellen über Glaubensfragen stehen in der Tradition der Asch’ari-Schule, die – neben der von Imam Maturidi – in sich zu einem Synonym für Korrektheit in Glaubensfragen geworden ist.
In unserer Zeit ist die Darstellung der islamischen Kernelemente zu Gunsten der politischen und ideologischen Vernutzung in den Hintergrund getreten. Mit diesem Text erhält auch der nichtmuslimische Leser eine Beschreibung dessen, was den Kern des Islam ausmacht: Wissen von Allah.
Allah segne unseren Meister Muhammad und seine Familie und Gefährten und gewähre ihnen Frieden.
Die erste Verpflichtung für eine erwachsene Person, die sich im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte1 befindet, ist es, Allah und Seine Gesandten kennenzulernen. Denn der Sinn der Existenz des Menschen besteht in der Anbetung seines Schöpfers: „Und Ich habe die Dschinn und die Menschen nur darum erschaffen, damit sie Mich anbeten.“ (Adh-Dharijat, 56). Daraus folgt, dass der Mensch wissen muss, wen er anbetet, vor wem er sich niederwirft, womit sein Leben enden wird, was das Geheimnis seiner Existenz ist, und daraus folgernd: Wem er gehorchen muss. Genauso steht die wissende Anbetung über derjenigen ohne Wissen, gemäß der Aussage des Propheten, der Friede und Segen Allahs seien auf ihm. Somit ist die Kenntnis des Angebeteten notwendig.
Von Allah muss man dreizehn notwendige Attribute, sowie die Verneinung ihrer Gegensätze, kennen. Diese dreizehn Attribute sind die folgenden:
1. Die Existenz (Al-Wudschud)2 2. Die Anfangslosigkeit (Al-Qidam) 3. Die Unendlichkeit (Al-Baqa) 4. Die Einzigartigkeit (Al-Wahdanijja) 5. Die Unabhängigkeit (Al-Khina) 6. Die Andersartigkeit zum Geschaffenen (Mudschalafatu-l-Hawadith)3 7. Das Leben (Al-Haja) 8. Die Macht (Al-Quwwa) 9. Das Wissen (Al-’Ilm) 10. Der Wille (Al-Irada) 11. Das Gehör (As-Sam’) 12. Das Sehvermögen (Al-Basar) 13. Das Wort (Al-Kalam)4 Diese Attribute gehören notwendig zum Glauben an Allah. Was die Verneinung der Gegensätze betrifft, so gehen sie aus der Negation der zuvor aufgezählten Attribute hervor, die sich auf Allah beziehen. Es sind: 1. Die Nicht-Existenz (Al-’Adam) 2. Der Beginn (Al-Huduth) 3. Die Endlichkeit (Al-Fana) 4. Die mehrfache Existenz (Nafi Al-Wahda) 5. Die Abhängigkeit (Al-Iftiqar) 6. Die Änlichkeit zum Geschaffenen (Mumathalatu-l-Hawadith) 7. Das Gezwungensein (Al-Karaha) 8. Das Unvermögen (Al-’Adiz) 9. Das Unwissen (Al-Dschahl) 10. Der Tod (Al-Mamat) 11. Die Taubheit (As-Samam) 12. Die Blindheit (Al-’Ama) 13. Die Stummheit (Al-Bakam)
Von diesen Attributen ist es notwendig zu glauben, dass sie – bezogen auf Allah – unmöglich sind. Im Folgenden fahren wir damit fort, jedes der notwendigen, wie auch unmöglichen Attribute, die auf Allah bezogen werden, einzeln zu untersuchen. Hinsichtlich der Existenz ist es notwendig zu glauben, dass Allah existiert und dass Seine Nichtexistenz unmöglich ist. Der Beweis, der dieser Aussage zugrunde liegt, ist Allahs Wort im Qur’an: „Ist etwa ein Zweifel über Allah, den Schöpfer der Himmel und der Erde?“ (Sura Ibrahim, 10).
Vom Gesichtspunkt der Reflexion aus gesehen ist klar, dass die Welt, die Existenz oder die Schöpfung – welchen Ausdruck man auch gebrauchen will – ohne einen außenstehenden Faktor, der ihren Beginn veranlasst hat, niemals ins Sein gelangt wäre. Denn existierende Dinge, welcher Art sie auch seien, besitzen, aufgrund ihrer eigenen Unbeständigkeit, sowie ihrer Unterordnung unter die Kategorien von Raum und Zeit, nicht die Fähigkeit über Sein oder Nicht-Sein zu verfügen. Alles Existierende kann sein oder nicht sein. Was also ist das, was sie ins Sein und nicht ins Nicht-Sein gebracht hat, wenn nicht Allah – Er sei gepriesen! Also ist alles geschaffene Seiende nichts anderes als ein Zeichen (Aja), das auf Denjenigen hinweist, Der es geschaffen hat, Der es aus dem Nichts ins Sein gebracht hat. Somit existiert Allah mit Notwendigkeit und die Existenz ist eines Seiner Attribute, woraus folgt, dass Seine Nicht-Existenz undenkbar ist, weil sowohl die Offenbarung und die Schöpfung, als auch der menschliche Intellekt Zeugnis ablegen von der notwendigen Existenz des Höchsten Wesens. Was die Anfangslosigkeit betrifft, so ergibt sie sich durch Allahs Wort: „Er ist der Erste und der Letzte“ (Al-Hadid, 3).
Genauso ist es undenkbar, zu sagen, dass Allah einen Beginn hätte, denn wäre dies der Fall, so ergäbe sich daraus die Frage, wer Ihn denn erschaffen hätte, wodurch man sich in einem fehlerhaften und unlogischen Zirkel befände. Es ist somit notwendig zu glauben, dass Allah nie einen Anfang hatte.
Genauso muss man glauben, dass Allah unendlich ist, das heißt, dass Er nie enden wird, denn das, was nie einen Anfang hatte, kann auch kein Ende haben. Der Beweis dafür findet sich in dem eben genannten qur’anischen Vers „Er ist der Erste und der Letzte“ (Al-Hadid, 3)
Genauso ist es offensichtlich, dass, wenn Seine Existenz notwendig ist, Ihn dann weder Vergänglichkeit, noch Endlichkeit, noch Auslöschung berühren kann. Der Beweis Seiner Einzigartigkeit findet sich in dem qur’anischen Vers: „Sag, Er ist Allah, der Einzige“ (Al-Ikhlas,1). Gäbe es also mehr als einen Gott, so würden sich ihre Willen miteinander im Widerstreit befinden und sich gegenseitig aufheben. Und vor dem Willen Allahs kann nichts und niemand bestehen, das heißt es ist notwendig zu glauben, dass Allah Einer ist, in Seiner Essenz, in Seinen Attributen und in Seinen Handlungen.
Was die Unabhängigkeit von den seienden Dingen betrifft, so ist zu sagen, dass Allah weder ein Seiendes benötigt, dass Ihn existieren ließe, noch eine Substanz, in der Er existieren könnte. Die hierzu gehörenden Beweise stammen aus dem qur’anischen Vers: „Allah ist der Unabhängige“ (Muhammad, 38)
Dass Allah niemanden benötigt, um zu existieren, war zuvor schon klar, als wir dargelegt haben, dass jedes geschaffene Seiende jemanden benötigt, der es in die Existenz bringt, Allah jedoch nicht. Denn Er – gepriesen sei Er! – ist nie nicht existent gewesen und wird dies auch nie sein. Sein Wesen ist von allem Seienden unabhängig, jedes Seiende ist jedoch abhängig von Ihm. Ebenso benötigt Er keine Substanz, in der Er zu existieren vermag, denn – im Gegensatz zur christlichen Theologie – glauben wir Muslime nicht, dass die Göttlichkeit ein Attribut sei, das sich in einer Essenz ereignet. Denn die christliche Theologie, die behauptet, dass die Göttlichkeit ein Attribut sei, gelangt zur Bestätigung, dass Jesus, Friede sei mit ihm, „göttlich“ sei. Für uns Muslime vermag nichts göttlich zu sein, außer der Göttlichkeit selbst. Die Göttlichkeit ist kein Attribut, das gewissen geschaffenen Wesen zugeschrieben wird, sondern eine Essenz, die von der übrigen Schöpfung vollkommen unabhängig ist. Deshalb ist Allah vollkommen unabhängig. Allah – verherrlicht sei Er! – ist vollkommen unterschieden von dem geschaffenen Seienden, da in den qur’anischen Versen festgehalten ist: „Und keiner ist Ihm gleich“ (Al-Ikhlas, 4) und: „Nichts ist Ihm gleich“ (Asch-Schura, 11).
Wenn Allah eine Ähnlichkeit mit dem zufälligen Seienden hätte, so wäre Er zufällig wie diese, was, wie wir schon zuvor gesehen haben, völlig unmöglich ist. Daraus folgt, dass nichts, was wir uns vorstellen oder ersinnen können, auf irgend eine Art und Weise Allah gleichkommt, Er sei gepriesen! Was jene qur’anischen Verse anbetrifft, die eine Vermenschlichung zu enthalten scheinen, wie jene, die von Allahs Gesicht, von Seiner Hand usw. sprechen, so sind wir zu Folgendem verpflichtet:
1. Sie so zu akzeptieren, wie sie sind und sie nicht auf ihre Bedeutung hin zu befragen. Dies war die Haltung der ersten Muslime. 2. Sie im Licht der obigen Verse zu interpretieren, in der die Andersartigkeit Allahs im Hinblick auf die Schöpfung bestimmt worden ist, indem man eine Interpretation sucht, die jede Art von Ähnlichkeit Allahs – gepriesen sei Er! – mit den Geschöpfen ausschließt. Dies ist die Haltung der vorangegangenen Generationen der Ulama. Beide Haltungen sind vollkommen annehmbar. Wovor wir uns stets zu hüten haben, ist: Uns für die wortwörtliche Bedeutung zu entscheiden und damit Allah irgendwelche Organe zuzuschreiben, denn dadurch gelangten wir zu einer Vermenschlichung, das heißt dazu, Allah menschliche Attribute zuzuschreiben.
Was die Aussage der folgenden vier Attribute angeht: Das Leben, die Macht, das Wissen und der Wille, sowie die Verneinung ihrer Gegensätze, so ist Dank der qur’anischen Verse klar: „Allah – es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Lebendigen, dem Allerhaltenden“ (Al-Imran, 2), „Allah hat Macht über alle Dinge“ (Al-Baqara, 148), „Allah weiß alle Dinge“ (Al-Ma’ida, 97), „Er, Der macht, was Er will“ (Burudsch, 16).
Denn hätte Allah diese Attribute nicht, so wäre die Welt nie in die Existenz gelangt. Wie hätte Allah sonst die Welt erschaffen können, ohne die Macht, das Wissen, den Willen und das Leben, die alle notwendig sind, um das unglaubliche Wunder des Kosmos und der Schöpfung zu entwerfen und hervorzubringen. Man muss nur die Zeichen, die wir im Inneren und im Äußeren sehen, betrachten und darüber nachdenken, um die unendliche Macht, den unendlichen Willen, das unendliche Wissen und Leben des Schöpfers – gepriesen sei Er! – zu erkennen.
Die drei letzten Attribute – das Gehör, das Sehvermögen und das Wort – ergeben sich aus dem Qur’an, aus der Sunna und aus dem Konsens der muslimischen Gemeinschaft. Zu den Versen, die dies bestätigen, gehören die folgenden: „weil Allah allhörend, allsehend ist“ (Al-Hadsch, 61), „und Allah sprach direkt zu Musa“ (An-Nisa, 164). Darüber hinaus sind diese Attribute solche der Perfektion und es wäre ein Fehler anzunehmen, dass Allah nicht über diese Attribute verfügte. Somit ergibt sich die Notwendigkeit, die zuvor genannten dreizehn Attribute, wie auch die Unmöglichkeit ihrer gegenteiligen Attribute, Allah zuzuschreiben.
Daraus5 folgt, dass Allah frei ist und in Seinem Reich nach Seinem Willen verfahren kann: „Dein Herr erschafft und erwählt, was Ihm gefällt.“ (Al-Qasas, 68)
Seine Handlungen sind das Ergebnis Seines Willens und Seiner Macht, welche wiederum keinerlei Einschränkungen unterworfen sind. Er hat diese Welt so geschaffen, wie Er es gemacht hat; sie könnte auch anders aussehen, aber nur durch Seinen Willen. Er wollte, dass sie ist, wie sie ist.
1 Auf Arabisch Mukallaf 2. Dieses Attribut wird normalerweise von den Gelehrten als „Sifa Nafsija“ bezeichnet, da es sich auf die eigene Göttliche Essenz bezieht, ohne ihr irgendetwas beizugesellen. 3 Die Attribute Nr. 2 bis 6 werden „Sifat Salbija“, d.h. „negative Attribute“ genannt, da sie sich auf die Göttliche Essenz im negativen Sinne beziehen, indem sie dasjenige verneinen, was ihr nicht zukommt. 4 Die Attribute Nr. 7 bis 13 werden „Sifat Al-Ma’ani“ d.h. „Attribute der Bedeutungen“ genannt, da sie sich auf Attribute beziehen, die zu der Essenz selbst eine hinzugekommene Bedeutung mit sich bringen. Einige Autoren fügen sieben Attribute hinzu, die sich aus diesen „Attributen der Bedeutungen“ ergeben; sie nennen sich „Sifat Ma’nawijja“, d.h. „bedeutsame „Attribute“. Diese sind: Das Sein, das Leben, die Macht, das Wissen, der Willen, das Hören und Sprechen. 5. Dieser Absatz behandelt das Mögliche (Dscha’iz) im Hinblick auf Allah, d.h. dass Er alles Mögliche in der Existenz erblühen lässt oder es im Nichts versenkt.

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